Beitrag vom: 09.01.2020

Wir trauern um Dr. Kurt Sindermann

Uns erreichte die traurige Nachricht, dass Hofrat Dr. Kurt Sindermann in den Morgenstunden des 7. Jänner 2020 plötzlich verstorben ist.
Damit ist ein wahrhaft großer Mann von uns gegangen, dessen Verdienste um die Wiener Psychiatrie und das Therapiezentrum Ybbs gar nicht genug gewürdigt werden können.

Kurt Sindermann schwarz-weiß

Bereits 1984 - 35-jährig - übernahm er die Stelle als ärztlicher Direktor im damaligen „PKH Ybbs", für dessen psychiatrische Dauerpatientinnen und Dauerpatienten er Spätrehabilitationskonzepte entwickelte. Ihm ist zu verdanken, dass es im Zuge der Psychiatriereform, deren Motor er in Ybbs war, zu einer raschen (und für viele überraschend harmonischen) Öffnung der Anstalt kam und viele Betroffene in extramurale Wohnformen integriert werden konnten. Damit sank die Anzahl der verbliebenen Patientinnen und Patienten, deren Lebensqualität durch diese und andere Maßnahmen enorm gesteigert werden konnte. Vergitterte Fenster, verschlossenen Türen, Netzbetten gehörten alsbald der Vergangenheit an.

In ständiger Kooperation mit dem Psychiatriebeauftragten der Stadt, Dr. Stefan Rudas, diesem in Freundschaft verbunden, entwickelte Sindermann moderne sozialpsychiatrische Arbeitsmodelle. Aus dem PKH wurde 1989 das „Pflege- und Therapiezentrum Ybbs", später das „Therapiezentrum Ybbs" – Bezeichnungen, die schon früh das große dahinterstehende Anliegen signalisierten: „Psychotherapie ist integraler Bestandteil der Psychiatrie und MUSS im Zuge der FachärztInnenausbildung gelernt werden!" (Zitat Sindermann)

Als Psychiater, Psychotherapeut und ab 1990 auch als gerichtlich beeideter Sachverständiger für Psychiatrie trat er bis zuletzt als Meinungsbildner bei verschiedensten Fragestellungen auf, unter anderem der Differenzierung geistiger Behinderung von psychischer Erkrankung (auch als Basis für oberstgerichtliche Entscheidungen) oder etwa der Verankerung psychotraumatologischer Methodik in psychiatrisch-psychotherapeutische Konzepte.

Als zunächst Leiter der Ausbildung, ab 1996 medizinisch-wissenschaftlicher Leiter der Ausbildung an der Psychiatrischen Krankenpflegeschule in Ybbs bekannte er sich schon früh als Förderer und Unterstützer der Emanzipation des Pflegeberufes.

Ebenso in den 1990er Jahren war er Mitbegründer der Österreichischen Vereinigung für Psychiatrie, deren erklärte Ziele unter anderem die Fächertrennung von Neurologie und Psychiatrie und Aufwertung der Psychiatrie und Gleichstellung als klinisches Fach sowie die untrennbare Gemeinschaft von Psychiatrie und Psychotherapie war. Nach Erreichung dieser Ziele wurde letztlich die ÖGPP (österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie) gegründet, die für viele positive Veränderungen stand, nicht zuletzt für die Ausbildungsreform zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.

Als Mitbegründer des Vereins Struktur gemeinsam mit Otto Lesch und Georg Psota brachte er Behandlungskonzepte für eine durchaus bis dato therapeutisch vernachlässigte Gruppe Alkoholkranker, den sogenannten Lesch-Typ-IV, ins Sozialtherapeutische Zentrum in Ybbs.

Als ärztlicher Leiter des psychiatrischen Krankenhauses reformierte er nicht nur Konzepte, sondern auch grundsätzliche Haltungen, indem er salutogenetische Gesichtspunkte anstelle simpler Symptomreduktion in den Fokus der therapeutischen Arbeit rückte.

Die Verleihungen von Ehrenzeichen (jeweils Stadt Ybbs in Bronze und Gold, zuletzt das große Silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien) sehen wir als Zeichen der Würdigung seines Engagements und Schaffens – werden aber dem Menschen Kurt Sindermann dennoch noch lange nicht ganz gerecht.


Sehr geehrter Herr Hofrat Sindermann,
lieber Kurt!

Du warst Humanist, Menschenkenner, Intellektueller, Reformer und Philosoph – aber nicht nur das: Du warst auch ein hervorragender Humorist und Karikaturist, leidenschaftlicher Sänger und Genussmensch.? So wirst Du uns immer in lieber Erinnerung bleiben!


Prim.a Dr.in Hannelore Monschein
Ärztliche Direktorin / Medizinisch Verantwortliche TZY


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