Beitrag vom: 19.11.2019

Gegen Gewalt in den Wiener Spitälern

KAV präsentiert Ergebnisse einer unternehmensweiten MitarbeiterInnen-Befragung.

Aggression und Gewalt sind ein Phänomen, dem sich die Gesellschaft stellen muss. Es macht auch vor Krankenhäusern nicht halt. Am 10. Juli dieses Jahres mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kaiser-Franz-Josef-Spital eine extreme Dimension von Gewalt erleben. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, der dort einen Kardiologen niedergestochen hatte, beginnt demnächst.

Um eine objektive Sicht auf die tatsächliche Situation zu bekommen, hat der Wiener Krankenanstaltenverbund im abgelaufenen Sommer seine knapp 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach ihren persönlichen Erfahrungen befragt.

Die Umfrage wurde von der KAV-Personalvertretung, Hauptgruppe II, finanziert und beim Department Gesundheit an der Fachhochschule Bern beauftragt. Ziel der unternehmensweiten Befragung war es, eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Erarbeitung weiterer Maßnahmen zu erhalten.

Berufsgruppen-übergreifende Umfrage mit hoher Beteiligung

Im Zeitraum von Anfang Juli bis Anfang September 2019 hatten die knapp 30.000 KAV-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gelegenheit, online und per Papierfragebogen Auskunft über ihre persönlichen Erfahrungen mit Aggression und Gewalt am Arbeitsplatz zu geben.

Mit 7.260 retournierten Fragebögen verfügt der KAV nun über eine der umfassendsten Befragungen, die es zum Thema Aggression und Gewalt überhaupt gibt. „Über ein Viertel aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich an der Umfrage beteiligt“, freut sich Edgar Martin, KAV-Personalvertreter der Hauptgruppe II. „Der hohe Rücklauf belegt, dass Aggression und Gewalt im Spital eine hohe Relevanz haben.

Es ging uns insbesondere darum, nach dem persönlichen Erleben der Kolleginnen und Kollegen zu fragen. Ziel ist es letztlich, Antworten auf die Fragen zu finden: Wie können wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen? Wo müssen wir mit konkreten Maßnahmen ansetzen?“ Befragt wurden alle Berufsgruppen. Denn nicht nur ÄrztInnen und Pflegekräfte, sondern auch MitarbeiterInnen in der Verwaltung oder in der Technik können Aggression ausgesetzt sein.

Ergebnisse im internationalen Mittel - KAV aber besser vorbereitet

Die Umfrage wurde vom Department für Gesundheit an der Fachhochschule Bern durchgeführt. Das Institut beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der systematischen Analyse des Phänomens der Gewalt im Gesundheitswesen. „Es gibt weltweit sehr wenige Organisationen, die eine derart umfassende und offene Nabelschau in diesem Bereich machen“, weiß Prof.in Sabine Hahn von der FH Bern. „Zusammenfassend kann man sagen: Die KAV-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen in etwa dieselben Aggressions- und Gewalterfahrungen, wie ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern. Was allerdings auffällt ist, dass im KAV bereits viel Bewusstseinsarbeit geleistet wurde.“

Prof.in Hahn hebt insbesondere zwei Dinge hervor: Das interne Meldesystem für Aggressionsereignisse sowie die Schulungsangebote. „In Medizin und Pflege entsteht die Leistung im direkten und persönlichen Kontakt mit der Patientin und dem Patienten. Gelungene Kommunikation ist es, worum es hier geht. Daher ist die mit Abstand wirksamste Maßnahme in der Vermeidung von Aggressionsereignissen das Training der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im KAV-wird seit mittlerweile mehr als zehn Jahren in Deeskalationstechnik geschult. Das ist auch Ausdruck dafür, dass das Top-Management die richtige Haltung zum Thema hat.“ Verbesserungsbedarf besteht aber hinsichtlich der Inanspruchnahme der IT-gestützten Meldesysteme sowie beim Schulungsgrad der MitarbeiterInnen in Sachen Deeskalation. Insgesamt 40 % aller Befragten wurden mindestens einmal geschult. In der Geriatrie liegt der Wert über 50 %, nur in der Psychiatrie ist er mit knapp 80 % zufriedenstellend hoch.

Die Befragungsergebnisse im Detail

Ein Blick auf die konkreten Zahlen zeigt: 85,4 % der Befragten geben an, im Laufe ihres Berufslebens Aggressionserfahrungen gemacht zu haben - 61,6 % von ihnen in den letzten 12 Monaten. Dabei wurden sie zum überwiegenden Teil verbal attackiert. „Der Bogen spannt sich hier sehr weit auf: Verbale Aggression kann von der Beschimpfung bis hin zur sexuellen Belästigung gehen“, sagt Studienautorin Hahn. „Und wir müssen davon ausgehen, dass das persönliche Empfinden dessen, was als Aggression wahrgenommen wird, von Person zu Person sehr unterschiedlich ist. Die KAV-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter liefern hier aber ein Bild, das wir in ganz ähnlichem Ausmaß auch in anderen Ländern sehen.“

Gewalterleben ist nicht Geschlechter-spezifisch.  Frauen wie Männer sind im selben Ausmaß betroffen. Einen signifikanten Unterschied macht laut Studie das Alter der Befragten. So geben die unter 17-Jährigen (38,5%) und über 46-Jährigen (57%) an, weit weniger häufig mit Aggression konfrontiert zu sein, wie die Gruppe der 18-29 bzw. der 30-45-Jährigen (70% bzw. 66,1 Prozent).

Der Blick auf die Arbeitsbereiche zeigt wenig überraschend, dass insbesondere die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit laufendem PatientInnen-Kontakt Aggression erleben. Dabei geht die Aggression in fast gleich hohem Ausmaß von PatientInnen bzw. BewohnerInnen wie von deren Angehörigen und BesucherInnen aus.

Rat der Expertin: Aktionismus vermeiden

„Aggression und Gewalt sind in Spitälern weltweit ein Thema“, weiß Prof. Hahn. „Und alle Verantwortlichen stellen dieselben Fragen: Was kann man dagegen tun? Müssen nicht Objekt- und Personenschutz verstärkt werden? Meine Erfahrung zeigt, dass gutgemeinte Maßnahmen oft nicht das erwartete Ergebnis bringen.

Wohldosiert und an den richtigen Stellen eingesetzt, machen Securities oder Zutrittssysteme natürlich Sinn. Den besten Schutz vor in Gewalt überschlagender Aggression bieten aber in jedem Fall die persönliche Kommunikationskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und damit die Fähigkeit, Eskalation überhaupt zu vermeiden. Maßnahmen sollten jedenfalls nie anhand besonders folgenschwerer Einzelfälle abgeleitet werden. Zumindest nicht dann, wenn man an wirklich wirksamen Schutzmaßnahmen interessiert ist.“

 

Verantwortlich für diese Seite:
Vorstandsbereich Kommunikation - Internet (Generaldirektion)