Beitrag vom: 12.07.2019

„Das hätte nichts und niemand verhindern können“


Kaum zwei Tage ist es her, dass ein Patient in der Herzambulanz des Sozialmedizinischen Zentrums Süd einen Kardiologen schwer verletzt hat. Mitten in der vormittags schon gut frequentierten Ambulanz sticht der Täter den Arzt mit einem mitgebrachten Messer nieder. Dr. B. hat großes Glück im Unglück. Er wird zwar schwer verletzt, kann aber schon am Tag nach der Notoperation von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt werden.

Dr. B. im Interview mit Nina Brenner-Küng, Leiterin des Vorstandsbereich Kommunikation im KAV.

Ganz Österreich stellt sich eine Frage: Wie geht es Ihnen?
Dr. B.: Ich habe überlebt. Alles andere ist vorerst zweitrangig. Langsam kann ich nun meinen Heilungsweg beschreiten. Wenn es keine Komplikationen gibt, dann bin ich zuversichtlich. Ich bedanke mich für die große Anteilnahme. Ich war Zeit meines Lebens ein bescheidener Typ und ich wollte gute Arbeit leisten, das Rampenlicht war mir nie wichtig. Und ich möchte auch jetzt keine Publicity.

Wie haben Sie die Attacke erlebt?
Dr. B.: Ich war auf dem Weg in den zweiten Stock, mit einem technischen Gerät. Er saß rechts von mir. Ich sehe ihn und denke mir nichts dabei. Und wie ich vorbeigehe, nehme ich aus den Augenwinkeln wahr, dass er aufsteht, einen Gegenstand aus der Tasche zieht und schon fast elegant etwas davon abstreift. Und dann sehe ich das Messer. Im nächsten Moment hat er auch schon zugestochen. Ich hatte keine Möglichkeit, zu reagieren.

Hatten Sie große Schmerzen?
Dr. B.: In dem Moment nicht. Als Mediziner weiß ich, dass der Schmerz erst verzögert kommt. Ich habe mir die Hand auf die Wunde gelegt und versucht wegzukommen. In einem Nebenraum habe ich mich auf ein Bett gelegt. Dann waren auch schon meine Kollegen bei mir.

Sie sagen, Sie kennen den Täter. Wissen Sie, weshalb er Sie angegriffen hat?
Dr. B.: Nein, das weiß ich nicht. Ich kenne den Mann schon seit Jahren. Ich würde ihn als ruhig, still, fast schon introvertiert beschreiben. Ich hatte dennoch den Eindruck, ich wurde gezielt angegriffen. Ich glaube, es war ein persönlich zu nehmendes Vorgehen.

Wie empfinden Sie gegenüber dem Täter? Sind Sie wütend?
Dr. B.: Überraschenderweise nicht. Er wird wohl nicht alle Sinne beisammen haben. Mir ist vor Jahren ein Wagen hinten aufgefahren und ich hatte meine Kinder im Auto. In diesem Moment dachte ich, wenn meinen Kindern jetzt etwas passiert ist, weiß ich nicht, was ich tue. Das war eine starke Emotion. Verstehen Sie, was ich meine? So empfinde ich jetzt nicht.

Sie wurden gleich vor Ort in Ihrem Krankenhaus versorgt. Ist es nicht ein eigenartiges Gefühl, von den eigenen Kolleginnen und Kollegen betreut zu werden?
Dr. B.: Ganz im Gegenteil. Man weiß, dass man in guten Händen ist, weil man die Menschen kennt. Ich möchte mich auch ausdrücklich bei allen Kolleginnen und Kollegen bedanken.

Der Angriff auf Sie hat eine breite Diskussion über die Sicherheit in Krankenhäusern ausgelöst. Sind die Sicherheitsvorkehrungen aus Ihrer Sicht unzureichend?
Dr. B.: Diesen Angriff hätte nichts und niemand verhindern können. Er war eine Sache von Sekunden. Selbst wenn ein Sicherheitsbeamter in unmittelbarer Nähe gestanden wäre, hätte er die Tat nicht verhindern können.

Es gibt die Forderung, dass Metalldetektoren wie an Flughäfen oder Gerichtsgebäuden auch in Spitälern installiert werden sollen. Wie stehen Sie dazu?
Dr.B.: Ein Flug ist eine geplante Sache. Aber im Gesundheitswesen gibt es viele ungeplante Ereignisse. Da können solche Kontrollen zu Verzögerungen führen und sich als nachteilig erweisen. Außerdem müsste man beinahe jeden Lebensbereich absichern. Das erscheint mir nicht durchführbar, das halte ich für unrealistisch. Dennoch muss man weiterdenken, wie man die Sicherheit in den Spitälern verbessern kann.


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