Beitrag vom: 06.11.2018

Jugend im Wandel: Zwischenmenschliche Beziehungen sind unersetzlich!

Fundierte Vorträge und ein abwechslungsreiches Programm beim Tag der Seelischen Gesundheit im Rathaus.

Die Moderatorin Heilwig Pfanzelter begann das Programm mit folgendem Satz: „Wie oft meine Damen und Herren, schauen Sie pro Tag auf Ihr Smartphone?". Pfanzelter machte in ihrer Einführungsrede auf eine Studie der Süddeutschen Zeitung mit Jugendlichen, die in den 1990er Jahren zur Welt gekommen sind, aufmerksam. Hier antwortete ein Jugendlicher auf jene Frage (s.o) mit „Eigentlich kann man das gar nicht sagen, weil man ja ständig aufs Smartphone guckt."

Eröffnungsrede

TSG 2018 Publikum; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Die Eröffnungsreden wurden zunächst durch den Stadtrat für Soziales, Gesundheit und Sport, Peter Hacker, danach durch den Chefarzt der Psychosozialen Dienste, Georg Psota, den Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, Ewald Lochner und der Generaldirektorin des Wiener Krankenanstaltenverbunds, Evelyn Kölldorfer-Leitgeb gehalten. Alle waren sich einig, dass die Erziehung von Kindern bzw. Begleitung dieser auf ihrem Lebensweg eine herausfordernde Aufgabe ist. Es sind nicht nur Eltern, sondern auch PädagogInnen, PsychiaterInnen, FachärztInnen gefragt, die hier den Anforderungen und Anliegen der Jugendlichen in aktueller Zeit nachkommen müssen.

Smartphoneabhängigkeit - Krankmacherei oder reale Bedrohung?

Dr. Oliver Scheibenbogen beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Oliver Scheibenbogen vom Anton Proksch Institut erklärte in seinem spannenden Vortrag mit dem Titel „Smartphoneabhängigkeit - Krankmacherei oder reale Bedrohung?", dass die Smartphoneabhängigkeit große Gefahren in der Sozialisation und Beziehungsbildungsstruktur von Jugendlichen birgt. Den Fokus seines Vortrages setzte Scheibenbogen neben der Erläuterung statistischer Erhebungen vor allem auf die Möglichkeiten zur Prävention und Behandlung dieser angeeigneten Verhaltensrituale von jungen Menschen.

Hilfe zur Selbsthilfe - Junge Menschen und ihre Herausforderungen in der modernen Welt

Silvia Ballauf und Christine Reinhardt beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Silvia Ballauf und Christine Reinhardt von pro mente Wien, der Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, trugen eine interaktive Präsentation vor. Sie gingen mit zwei weiteren jungen Frauen auf die Bühne und versuchten mittels Frage-Antwort-Ablauf und in einem Dialog die Anliegen der Jugendlichen zu verstehen. Von hier aus versuchten sie Wege zur „Selbsthilfe für Jugendliche" zu eruieren, in dem sie vorschlugen, direkt mit den Jugendlichen in Kommunikation zu treten. So trug ihr Vortrag auch den entsprechenden Titel: „Hilfe zur Selbsthilfe - Junge Menschen und ihre Herausforderungen in der modernen Welt".

Musikaufführung Band ACUSTICA

Das Programm wurde zwischendurch mit der Musikaufführung der Band ACUSTICA bereichert. ACUSTICA präsentierte sich unter dem Motto „Musik verbindet!" - Völker, Religionen, Generationen, Länder und Nationen. Sie stehen für Vielfalt und sehen diese als Reichtum und verbinden, um ihre Haltung zu verdeutlichen, orientalische Musik mit Klängen des Balkan.

Mental Health in Austrian Teenagers

ao. Univ. Prof. Dr. Andreas Karwautz beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Der Tag der Seelischen Gesundheit wurde danach mit weiteren sehr interessanten Vorträgen fortgesetzt. So sprach Andreas Karwautz, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am AKH Wien, über eine Studie, die erstmalig psychische Störungen bei Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren repräsentativ erhob. Diese Studie wurde unter dem Titel „Mental Health in Austrian Teenagers" Österreichweit geführt. Das Ergebnis dieser Studie ist insofern erschütternd, als dass es zeigt, dass jede/r vierte Jugendliche an einer seelischen Störung leidet.

Auffälliges Verhalten: Normabweichung oder psychisch krank

Dr. Patrick Frottier beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Auf diesen Vortrag folgte die Präsentation von Patrick Frottier, Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin und Leiter des Instituts moment. Unter dem Titel: „Auffälliges Verhalten: Normabweichung oder psychisch krank?" erläuterte Fottier die Frage, ob ein „auffälliges Verhalten" bereits als eine psychische Erkrankung kategorisiert werden darf bzw. ab wann so eine Kategorisierung Sinn macht? Frottier präsentierte eigene Untersuchungen, um zu demonstrieren, dass es auch definitionsabhängig ist, was als eine Krankheit bezeichnet werden kann oder nicht. Laut Frottier ist es oft eine Gratwanderung und es bedarf einer einschlägigen und versierten Ausbildung sowie langjährige Erfahrung und Kontakt mit Menschen, um hier eine entsprechende Sensibilität zu entwickeln.

Mag. Hannes Kolar beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Der Jugendpsychologe Hannes Kolar leitet den Psychologischen Dienst sowie den Fachbereich für Integration der Magistratsabteilung für Wiener Kinder- und Jugendhilfe, MA 11. Sein Vortrag, der mit „hdgl - hab dich ganz doll lieb" betitelt war, berichtete über die Beziehungsgestaltung und die Kommunikation junger Menschen. Kolar unterstreicht, dass die gesamte Beziehungsgestaltung der Jugendlichen in einem überwältigenden Wandel inbegriffen ist. Am Ende seines Vortrages betonte Kolar abermals, dass die Informationstechnologie die Menschen in vielen Bereichen des Lebens unterstützt, jedoch in keiner Weise die Zwischenmenschliche Beziehung und den persönlichen Kontakt ersetzen kann.

Zentrale Lebensräume von Kindern und Jugendlichen

Mag. Ercan Nik-Nafs beim TSG 2018; Foto: KAV / Hüseyin Tunc Ercan Nik-Nafs ist Jugendanwalt der Stadt Wien und betonte in seinem Vortrag, dass die zentralen Lebensräume von Kindern und Jugendlichen erstens die Familie, zweitens die Kindergärten und Schulen sowie Ausbildungsstätten und drittens öffentliche und virtuelle Räume sind. Nik-Nafs nannte einige wichtige Beispiele über die Umstände die sich bei Kindern und Jugendlichen negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirken können, wie z. B. finanzieller Druck und Armut, enge Wohnräume, Gewalt als Erziehungsmethode der Eltern, vererbte Bildung, mangelndes Gesundheitsbewusstsein der Eltern, eingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten, soziale Kontrolle innerhalb reaktionär-konservativer Communities, Diskriminierungserfahrungen, traumatische Fluchtgeschichten, Mobbing in Schulen, Leistungsdruck etc. Der Jugendanwalt gab seinem Vortrag mit einigen Fallbeispielen ein Gefühl der Realitätsnähe und Betroffenheit.

Podiumsdiskussion

TSG 2018 Podiumsdiskussion; Foto: KAV / Hüseyin Tunc An der Podiumsdiskussion nahmen Psychiatriekoordinator Ewald Lochner, Chefarzt Georg Psota, Paul Plener, Leiter der Univ. Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Allgemeinen Krankenhaus und Ralf Gössler, der Abteilungsvorstand der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Hannes Kolar sowie Ercan Nik-Nafs teil. Die Diskutanten waren sich einig, dass die Begleitung der Kinder- und Jugendlichen in postmodernen Zeiten eine Herausforderung ist, die aus mehreren Perspektiven und Bereichen beleuchtet werden muss. Es ist ein komplexer Bereich, der in Kooperation mit allen beteiligten AkteurInnen (Schulen, Eltern, etc.) und interdisziplinär behandelt werden muss. Die Experten betonten, dass es keinen Grund zur Panik gibt, es allerdings wichtig sei, sich mit den anstehenden Herausforderungen insbesondere auch präventiv auseinanderzusetzen.

Stephan-Rudas-JournalistInnenpreis

Der Stephan-Rudas-JournalistInnenpreis  für „Fundierte Berichterstattung über psychische Erkrankungen" ging dieses Jahr an die ORF-Journalistin Ursula Theiretzbacher. Die Auswahl der Siegerin erfolgte durch eine multiprofessionelle Jury.


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